SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Heimatland Saudi-Arabien werden keine Kinofilme gedreht, von Frauen erst recht nicht. Wie sind Sie Regisseurin geworden?
Mansur: Ich begann, Filme zu machen, weil ich mich äußern wollte. Ich wollte gar nicht politisch sein oder die erste Regisseurin, sondern mich einfach selbst verwirklichen. Durch die besonderen Umstände war es natürlich viel Arbeit, die Vorbereitungen dauerten fünf Jahre, von der ersten Idee - ein Mädchen auf einem Fahrrad in Saudi-Arabien - bis zum Dreh.
SPIEGEL ONLINE: Woher kam diese Idee?
Mansur: Ich hatte lange dieses Bild im Kopf - das Fahrrad steht für Modernität, die Veränderung, während das Mädchen für mein Land und meine Heimatstadt steht, die Art, wie ich aufgewachsen bin, mit allen Traditionen.
SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?
Mansur: Als ich das Drehbuch fertig hatte, schickte ich E-Mails an westliche Produktionsfirmen, die arabische Kinowelt ist nicht besonders offen für solche Geschichten. In den meisten arabischen Ländern gibt es zwar eine Mainstream-Kinokultur, die größtenteils aus Ägypten kommt, aber das sind ganz andere Filme. Ich musste also einen neuen Markt finden, und mir war klar, dass das nur über Co-Produktion funktioniert. Auf meine vielen E-Mails antwortete aber niemand. Schließlich bekam ich Hilfe vom Writer's Lab des Sundance Instituts, wir engagierten einen Line Producer aus Saudi-Arabien, der normalerweise Fernsehen macht, und wir begannen zu drehen. Und ich fand meine deutschen Co-Produzenten, die mir extrem geholfen haben.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Öffentlichkeit reagiert?
Mansur: Erstaunlich positiv, denn ich habe immer versucht, meinen Film nicht in erster Linie als kritische Befreiungs- oder Anklagegeschichte zu sehen, sondern als Film, der die Kultur Saudi-Arabiens durchaus wertschätzt und respektiert. Ich wollte ihn nicht mit den Werten meiner Heimat kollidieren lassen, ihn nicht laut oder anstößig machen. Schwer war es dennoch: Die Saudis haben viele Vorurteile gegen Film, weil es dort eben keine Filmkultur gibt. Kino ist illegal.
SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie denn überhaupt dort drehen?
Mansur: Das war das größte Problem: Legale Drehgenehmigungen zu bekommen, Drehorte zu finden. Dazu durfte ich ja gar nicht auf der Straße auftauchen, ich musste versteckt in einem Lieferwagen auf einen Monitor schauen und meine Instruktionen per Walkie-Talkie geben, auch teilweise ins Handy schreien. Das war schwierig und frustrierend, vor allem, wenn die Zeit uns davonrannte. Ich war wie gefangen in diesem Auto.
SPIEGEL ONLINE: Schränkt das Ihre Möglichkeiten als Regisseurin nicht ungemein ein?
Mansur: Ja, es war aber eine gute Übung! Man muss sich stark konzentrieren, die Essenz der Szenen finden, den Schauspielern verbal ganz genau erklären, was sie tun müssen, was die Szenen bedeuten. Aber meine deutschen Produzenten haben mir auch viel geholfen.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollten keinen Kulturkampf inszenieren, aber es gibt in Ihrem Film deutlich kritische Töne, am saudi-arabischen Umgang mit Religion, mit den Geschlechtern.
Mansur: Ja, aber Religion und Polygamie sind Themen, die in meiner Heimat durchaus diskutiert werden. Ich habe bestimmt keine thematischen Barrieren gebrochen, eher vielleicht in der Art, wie ich sie zur Diskussion stelle. Die Konsequenzen daraus soll jeder selbst ziehen. Ich wollte nicht einfach sagen, Frauen in Saudi-Arabien sind traurig, weil sie ungerecht behandelt werden. Die Mutter von Wadjda ist in meinem Film zwar traurig, aber auch, weil sie ihren Mann liebt und er sie emotional verletzt. Das ist ein universales Thema. In Saudi-Arabien mag Liebeskummer durch Polygamie entstehen, aber das Gefühl selbst ist global.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre Protagonistin deshalb ein kleines Mädchen, weil ein Kind ohne gesellschaftspolitische Ansprüche an seinen Traum herangeht? Sie will einfach nur Fahrrad fahren.
Mansur: Genau, es geht um den Traum eines sehr neugierigen Mädchens. Kinder akzeptieren die Umgebung ja viel unbedarfter als Erwachsene, sie stellen sie nicht in Frage wie wir. Sogar dann nicht, wenn es Probleme gibt. Außerdem gab es noch einen anderen Vorteil: Mit einer erwachsenen Protagonistin hätte ich ausschließlich innerhalb von Gebäuden drehen können. In Saudi-Arabien existieren Frauen in der Öffentlichkeit nicht, außer sie sind komplett verschleiert. Ich wollte ja auch die Landschaft zeigen, den Genuss beim Laufen und Gehen, den Wind, den man in den Haaren spürt. Das wäre alles nicht gegangen. Saudi-arabische Frauen können all das nur als Kinder genießen, danach müssen sie nach drinnen. Wir verschwinden auf einmal, wenn wir erwachsen werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie steht Ihre Familie zu Ihrem Beruf?
Mansur: Meine Familie hat mich stark unterstützt. Sie ist zwar sehr traditionell, ich bin das achte von zwölf Kindern, niemand spricht Englisch, und wir sind in einem kleinen Dorf aufgewachsen, waren nie reich. Aber es sind nette und freundliche Menschen, ich hatte immer das Gefühl, dass ich alles machen kann, obwohl ich ein Mädchen bin. Erst in der Schule habe ich erlebt, dass das nicht so ist.
SPIEGEL ONLINE: Und wie war die Unterstützung in beruflicher Hinsicht, war es schwer, Cast und Crew zusammenzustellen?
Mansur: Ja, weil die meisten Saudi-Araber einfach nicht an Kino als Medium glauben, bei uns ist das Fernsehen sehr groß, Saudi-Araber lieben ihre Serien, und Schauspieler wollen lieber eine Fernsehrolle.
SPIEGEL ONLINE: Werden im Fernsehen nie Kinofilme gezeigt? Ihrer zum Beispiel?
Mansur: Meiner soll tatsächlich gezeigt werden! Aber eigentlich laufen fast nur Telenovelas und andere Fernsehproduktionen. Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten, um zum Beispiel die Schauspielerin, die Wadjdas Mutter spielt, zu überreden. Sie ist ein Fernsehstar und zögerte lange, mitzumachen. Und einer der Tonleute sagte, dass ihm die Arbeit gut gefallen habe - er wünsche mir, dass ich auch irgendwann mal eine Telenovela-Episode übernehmen könne.
SPIEGEL ONLINE: Aber dass es in anderen Ländern eine erfolgreiche Filmindustrie gibt, weiß doch bestimmt jeder.
Mansur: Ja, aber die meisten denken, dass Saudi-Araber einfach keine Filme machen können. Es gibt ein paar Filme aus Kuwait, die sind aber wirklich schlecht, also assoziieren viele bei uns, dass gute Filme und die arabische Welt nicht zusammenpassen.
SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen also nicht nur die Befreiung eines kleinen Mädchens, sondern auch, dass man gute arabische Filme machen kann.
Mansur: Das hoffe ich! Und eine Menge Leute sind jetzt doch stolz, dass es einen ersten Film aus meinem Land gibt, man versteht, dass ich dem Land mit Respekt entgegentrete. Wir wissen ja, dass die Situation schwierig ist, aber die Lösung ist nicht, sich immer nur zu beschweren, sondern auch die guten Dinge zu sehen, sich über die Veränderungen zu freuen, die eigene Haltung zu ändern.
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